Netze BW – automatisierte Anschlussprüfung in der Niederspannung
Standardfälle in Sekunden geprüft
Der Ausbau von Photovoltaik und Elektromobilität ändert die Anforderungen an die Niederspannungsnetze grundlegend. Für Netzbetreiber bedeutet das vor allem eine stark wachsende Zahl an Anschlussanfragen, die technisch geprüft werden müssen. Beim Verteilnetzbetreiber Netze BW stieß dieser bislang überwiegend manuelle Prozess zunehmend an seine Grenzen. Gemeinsam mit Fichtner entstand eine Lösung, die den Prüfprozess digital abbildet, das Netz automatisch in ein berechnungsfähiges Modell überführt und Anfragen schnell bewertet. Grundlage dafür ist ein tagesaktueller digitaler Zwilling des Niederspannungsnetzes.
Netze BW verzeichnet jährlich 40.000 bis 60.000 Anfragen allein für Photovoltaikanlagen in der Niederspannung. Für 2026 wurden rund 60.000 Anfragen erwartet, perspektivisch sogar bis zu 100.000 pro Jahr. Jede Entscheidung muss dabei fachlich belastbar sein, weil sie direkt mit Netzkapazität, Betriebssicherheit und der Einhaltung technischer Grenzen zusammenhängt.
Ausgangspunkt des Projekts war ein klassischer Engpass im Alltag. Die Anfragen wurden bislang von Netzplanern geprüft, im Netzmodell nachgebildet und anschließend bewertet. Der bisherige Prozess ist allerdings bei hohen Stückzahlen personalintensiv und nur begrenzt skalierbar. Genau hier setzt die automatisierte Anschlussprüfung an: Standardfälle sollen schnell, reproduzierbar und sicher bearbeitet werden, während komplexe Fälle weiterhin gezielt in die vertiefte Prüfung gehen.
Bevor die Lösung im großen Maßstab bei Netze BW eingeführt wurde, testeten die Projektpartner den Ansatz zunächst in einem Proof of Concept mit fünf Ortsnetzstationen. Parallel dazu wurde bereits ein Modell für das gesamte Niederspannungsnetz aufgebaut, um Qualität und Vollständigkeit der Quelldaten zu prüfen.
„Die meisten Anfragen sind unkompliziert – klassische PV-Anlagen auf dem Dach, die genehmigungsfähig sind. Trotzdem band ihre Prüfung Zeit und Ressourcen. Jetzt hat die Netze BW die Chance, sich vertieft nur die komplexen Fälle anzuschauen, bei denen wirklich geplant werden muss.“
Vom Antrag bis zur technischen Bewertung
Netze BW hatte dazu bereits im Vorfeld wichtige Grundlagen geschaffen. Kundinnen und Kunden konnten ihre Anfragen schon über ein Netzanschlussportal digital einreichen. Auf diesen bestehenden Prozess setzt die von Fichtner entwickelte Lösung auf. Sie übernimmt die relevanten Angaben, verortet sie im Netz und ordnet sie dem zuständigen Netzbereich zu. Im Hintergrund fließen dazu Daten aus mehreren Systemen zusammen, bevor die eigentliche Netzprüfung startet.
So wurde aus der digitalen Antragstellung ein durchgängiger Prüfprozess. Fichtner hat die dafür nötigen Prozessschritte gemeinsam mit Netze BW umgesetzt und in die bestehende Systemlandschaft integriert. Die technische Bewertung bei Fichtner läuft heute in weniger als 30 Sekunden ab. Was also zuvor je nach Fall mehrere Tage oder Wochen dauerte, kann nun bei Standardfällen automatisiert in kürzester Zeit bearbeitet werden.
Ein digitales Abbild des Netzes als Grundlage
Kern der Lösung ist ein digitaler Zwilling des Niederspannungsnetzes. Dafür übernimmt Fichtner Daten aus dem Geoinformationssystem (GIS) von Netze BW und bereitet sie so auf, dass daraus ein digitales Netzmodell für Berechnungen entsteht. Dieses Modell wird automatisch erzeugt und regelmäßig aktualisiert. Darauf aufbauend kommt die in der Branche verbreitete Berechnungssoftware PowerFactory zum Einsatz, ein Tool zur Analyse elektrischer Netze, das die technische Grundlage für die Bewertung der Anschlussanfragen bildet.
Die technische Lösung basiert dabei auf mehreren Bausteinen unseres Softwareportfolios für Verteilnetzbetreiber Fichtner Digital Grid. Ein Modul übernimmt die Datenübernahme, die Aufbereitung der Netzstruktur und die Fehlererkennung. Ein weiteres dient als Weboberfläche für Visualisierung, Prüfung und Qualitätssicherung. Ergänzt wird die Lösung durch das Netzmodell mit der Schnittstelle zu PowerFactory sowie durch das Modul für die automatisierte Anschlussprüfung. Auf diese Weise verbindet Fichtner Digital Grid Datenkonsolidierung, Netzberechnung und Prozessautomatisierung in einer gemeinsamen Architektur.
Die Dimension des Projekts zeigt sich allein an den Zahlen: Das Modell umfasst mehr als 25.000 Ortsnetzstationen und bildet ein 100.000 Kilometer langes Niederspannungsnetz mit Millionen von einzelnen Netzpunkten und Verbindungen ab. Das gesamte Netzgebiet wird täglich neu modelliert – in weniger als zwei Stunden. Damit steht für die Anschlussprüfung täglich eine aktuelle und belastbare Netzbasis bereit.
Was ist Fichtner Digital Grid?
Fichtner Digital Grid ist ein webbasiertes Lösungsportfolio für Verteilnetzbetreiber. Es verknüpft technische, kaufmännische und geografische Informationen aus Systemen wie GIS, SAP, CRM oder Dokumentenarchiven zu einem digitalen Netzabbild. Dieses wird zyklisch, meist nächtlich, neu erzeugt und dient als Grundlage für Netzberechnung, Anschlussprüfung sowie weitere Fachprozesse. So entsteht eine aktuelle und verlässliche Arbeitsgrundlage für Planung, Betrieb und Bewertung.
Darauf aufbauend unterstützt Fichtner Digital Grid unter anderem Asset-Management und weitere wiederkehrende Aufgaben. Zu den Modulen gehören etwa Calculate für Netzberechnungen und EasyConnect für die technische Prüfung von Anschlussanfragen. Die Lösung ist modular aufgebaut und für Cloud-, Hybrid- und On-Premises-Betrieb ausgelegt.
Vollautomatisierung braucht klare Regeln
Die eigentliche Herausforderung begann dort, wo aus Berechnung Automatisierung werden sollte. Denn das System durfte nicht einfach möglichst viele Fälle freigeben, sondern nur solche, die im Netz wirklich unkritisch sind. Dafür brauchte die Lösung klare technische Regeln. Sie muss zuverlässig erkennen, wann ein Anschluss im bestehenden Netz noch möglich ist und wann ein Fall in die vertiefte Prüfung gehört. Wichtig ist dabei auch das Reservierungsmanagement. Es bezieht nicht nur bestehende Anlagen ein, sondern auch reservierte und genehmigte Anfragen. So bleiben die Entscheidungen über Anschlussanfragen konsistent, auch wenn mehrere Anfragen parallel auf dieselben Netzbereiche wirken.
Datenmenge und Datenqualität mussten beherrschbar werden
Ebenfalls anspruchsvoll war die technische Skalierung. Die Datenbasis ist groß, muss täglich verarbeitet und zugleich so schnell aktualisiert werden, dass der laufende Betrieb kaum beeinträchtigt wird. Im Vorprojekt hatte die Gesamtnetzberechnung noch rund acht Stunden gedauert. Im Projekt für Netze BW ließ sich dieser Schritt auf knapp anderthalb Stunden verkürzen. Eingehende Anfragen werden währenddessen in einer Warteschleife gesammelt und anschließend automatisiert abgearbeitet.
„Der Umgang mit diesen riesigen Datenmengen und dass alles performant rechnet, war entscheidend.“
Deutlich wurde auch: Ein solches System steht und fällt mit der Qualität seiner Daten. Fehler in GIS-Daten, unplausible Schalterstellungen oder widersprüchliche Angaben aus verschiedenen Systemen können die Rechenfähigkeit direkt beeinträchtigen. Zur Qualitätssicherung gehört deshalb auch die systematische Analyse der Netzstruktur. So werden Datenlücken, fehlerhafte Verbindungen und unplausible Schaltstellungen sichtbar.
Fichtner als Schnittstelle zwischen Netzplanung, Datenwelt und IT
Gerade an diesem Punkt zeigt sich, dass das Projekt weit mehr war als ein klassisches Softwarevorhaben. Fichtner hat nicht nur eine technische Lösung umgesetzt, sondern Netze BW auch bei der fachlichen Strukturierung und Übersetzung der Anforderungen begleitet – wobei die bereichsübergreifende Zusammenarbeit einen durchgängigen Lösungsansatz aus einer Hand ermöglichte. Anforderungen aus Netzplanung, GIS, Datenmanagement und dem operativen Prozess mussten zusammengeführt, priorisiert und in eine tragfähige Softwarelogik überführt werden. So entstand Schritt für Schritt eine Lösung, die im Alltag funktioniert.
Bestehende Module von Fichtner Digital Grid, kundenspezifische Anforderungen und Schnittstellen wurden so verzahnt, dass daraus ein praxistaugliches Gesamtsystem wurde.
Gleichzeitig war wichtig, dass die Lösung nicht nur heute funktioniert, sondern auch mitwachsen kann. Fichtner Digital Grid ist so aufgebaut, dass es sich skalierbar betreiben und weiterentwickeln lässt. Im Projekt mit Netze BW wurde dafür ein Software-as-a-Service-Betrieb umgesetzt.
Mehr Tempo im Regelbetrieb, mehr Fokus für Fachkräfte
Im Alltag zeigt sich der Nutzen der Lösung deutlich. Standardfälle können automatisiert bewertet werden, komplexe Anfragen gehen gezielt in die manuelle Prüfung. Die Netzplanung wird dadurch spürbar entlastet. Fachkräfte müssen sich nicht mehr mit jedem Routinefall im Detail befassen, sondern können dort genauer hinschauen, wo wirklich Analyse und Erfahrung gefragt sind. Für einen Netzbetreiber mit hohen Antragszahlen ist das ein wichtiger Schritt, um Anschlussprozesse dauerhaft beherrschbar zu machen.
Der Ansatz überzeugte über den unmittelbaren Anwendungsbetrieb hinaus: 2025 wurde die Lösung mit dem konzernweiten EnBW-Innovationspreis InnoKlaus ausgezeichnet. Das Team der automatisierten Anschlussprüfung setzte sich dabei gegen 30 Mitbewerber durch. Netze BW bezeichnete die Lösung in diesem Zusammenhang als eines der fortschrittlichsten Systeme im deutschsprachigen Raum.
Seit der Produktivsetzung Ende 2025 werden rund 1.000 Anfragen pro Woche automatisiert bearbeitet – mit weiter steigender Tendenz, die jedoch problemlos bewältigt wird. Noch werden Standardfälle stichprobenartig von Fachkräften auf Plausibilität geprüft. Als nächster Schritt soll der gesamte Prozess inklusive Anbindung an das Kundenportal bei Netze BW vollautomatisiert laufen, sodass Standardfälle künftig ohne manuelle Sichtprüfung freigegeben werden können.
So läuft die automatisierte Anschlussprüfung ab
- Anfrage im Kundenportal
Kundinnen und Kunden melden ihre PV-Anlage digital bei Netze BW an. Das Portal bildet die zentrale Schnittstelle zwischen Antragstellern und Netzbetreiber. - Übernahme in die internen Systeme
Die Anfrage wird im Customer Service Hub weiterverarbeitet. Dort laufen die Angaben aus der Anfrage und Informationen aus weiteren Systemen zusammen. - Datenaufbereitung über BIANCA
Die zentrale Daten- und Analytics-Plattform BIANCA bereitet Informationen aus unterschiedlichen Quellen auf und stellt standardisierte Datenprodukte für die weitere Verarbeitung bereit. - Verarbeitung in Fichtner Digital Grid
An dieser Stelle kommt Fichtner Digital Grid ins Spiel. Dort werden die Daten integriert, zu einem rechenfähigen Netzmodell aufgebaut und für die Prüfung aufbereitet. Die Module Calculate, EasyConnect und Grid Analytics übernehmen dabei Netzmodell, automatisierte Anschlussprüfung und Qualitätssicherung. - Automatisierte Netzprüfung
Auf Basis des digitalen Zwillings und der Berechnungssoftware wird die Anfrage im Netz verortet, technisch bewertet und gegen definierte Grenzwerte geprüft. Reservierungen fließen dabei automatisch in die Bewertung ein. - Ergebnis oder Eskalation
Wenn alle Kriterien erfüllt sind, kann die Anfrage automatisiert freigegeben werden. Sonderfälle oder Engpässe werden an die Netzplanung zur vertieften Prüfung weitergeleitet.
Grundlage für weitere Anwendungen
Der digitale Zwilling schafft eine Grundlage, die über die eigentliche Anschlussprüfung hinausgeht. Themen wie Datenqualität, zusätzliche Automatisierungsschritte oder weitere Auswertungen lassen sich auf dieser Netzbasis künftig einfacher angehen. Damit entsteht für Netze BW eine belastbare operative Grundlage für weitere Entwicklungsschritte im Niederspannungsnetz. Zugleich zeigt Fichtner in dem Projekt, wie sich anspruchsvolle fachliche, technische und prozessuale Anforderungen in einer skalierbaren Lösung zusammenführen lassen.
Juni 2026

Friederike Huber
Senior Projektingenieurin im Projektbereich Energiewirtschaft & Verteilnetze
bei der Fichtner GmbH & Co. KG

Paul Biskup
Projektbereichsleiter Smart Grids
bei der Fichtner IT Consulting GmbH

