Hier auf den Philippinen hat die Regierung extreme Maßnahmen ergriffen und mittlerweile im ganzen Land den Notstand (state of calamity) ausgerufen. Die Hauptinsel Luzon mit dem Großraum Manila ist unter Lockdown und weitgehender Ausgangssperre. In Manila wurden mehr als 50.000 Polizisten sowie das Militär mobilisiert, um Lockdown und Ausgangssperre durchzusetzen Der Inlandsflugverkehr ist so gut wie komplett eingestellt. Letzte Woche musste ein Flugzeug von Cebu nach Dumaguete in der Luft umkehren und – mit weinenden Passagieren an Bord – nach Cebu zurückkehren. Wer als Ausländer die Philippinen verlassen will, kann das theoretisch noch über den Flughafen Manila tun, aber auch nur wenn man es schafft, irgendwie nach Manila zu kommen. Viele sind irgendwo gestrandet. Fast überall auf den Philippinen muss man sich nun, egal woher man kommt, erstmal 14 Tage in Selbstisolation begeben. In viele Städte und Regionen ist die Einreise überhaupt nur noch für lokale Bewohner erlaubt. Manche Inseln weiter draußen im Pazifik haben ganz dicht gemacht. Die Bewohner leben von Fischen und Kokosnüssen und ihren Vorräten, solange sie noch reichen.

Von den ersten Warnsignalen bis zum aktuellen Zustand hat es gerade mal eine Woche gedauert!

Ich bin seit etwa fünf Jahren für Fichtner in Manila tätig und zuständig für Business Development in Korea, Myanmar, auf den Philippinen und, mittlerweile nur noch bedingt, in China. Vor etwa zwei Wochen tauchten die ersten bestätigten COVID-19 Fälle auf den Philippinen auf. Davor wurden kaum Tests durchgeführt. Bis dahin dachten viele, einschließlich mir, dass das heiße Klima und die sehr junge Bevölkerung das Land vor der Epidemie schützen würde.

Am Dienstag, den 10. März 2020, tauchten die ersten Gerüchte und Dementi der Politiker über ein bevorstehendes Lockdown des Großraums Manila in der Presse auf. Da gingen bei mir alle Warnlampen an. Lockdown in der 13 Millionen Region Metro Manila. Was wird das bedeuten? Versorgungsengpässe, lange Schlangen, gewalttätige Ausschreitungen?

Am nächsten Morgen habe ich ein One-Way-Ticket nach Dumaguete gebucht. Diese Stadt auf der Insel Negros habe ich deshalb ausgewählt, weil ich sie gut kenne und dort Freunde habe. Am Mittwoch habe ich noch meine Habseligkeiten aus meiner Wohnung in das Fichtner-Büro gebracht, damit ich sie zur Not aus der Ferne kündigen kann. Am Donnerstag früh, den 12. März, war ich am halbleeren Flughafen und bin in einem halbleeren Flugzeug nach Dumaguete geflogen.

Innerhalb von 24 Stunden wurde das Lockdown für Sonntag, den 15. März, verkündet. Wer irgendwie konnte, hat Manila noch verlassen. Der Flughafen wurde zum Hexenkessel. Ein guter Freund von mir und seine Frau, die beide bei internationalen Entwicklungsbanken arbeiten, sind mit ihrer kleinen Tochter noch am Samstag nach Sydney ausgereist.

Die Insel Apo Island

Mein Ziel in Dumaguete war das Hotel Coco Grande, übrigens ein absoluter Geheimtipp, falls es jemanden jemals nach Dumaguete verschlagen sollte. Für einen Bruchteil des Preises eines 5-Sterne Hotels passt dort einfach alles. Außerdem sind die Zimmer groß, haben einen vernünftigen Arbeitstisch und ordentliches Internet (15 Mbps). Mein Plan war daher, zunächst dort zu bleiben und als Digital Nomad zu arbeiten und am Wochenende zum Tauchen nach Apo Island, etwa eine halbe Stunde Bootsfahrt entfernt, zu fahren. Die winzige Insel Apo Island, auf der es keine Autos gibt, ist bekannt für ihre Korallenriffe und die Meeresschildkröten, die man auch beim Schnorcheln gut sehen kann.

Was ich nicht wusste war, dass bereits am Freitag der Zugang zu Apo Island nur noch für lokale Bewohner möglich war. Irgendwie und auf etwas ungewöhnlichen Wegen gelangte ich am Samstag früh doch noch nach Apo. Es war der letzte Tag, an dem das überhaupt noch ging.

Da war ich nun und verfolgte die stündlich neuen Nachrichten aus den verschiedenen Landesteilen. Es waren (und sind) im Grunde fast mittelalterliche Zustände, da jeder Provinzfürst seine eigenen Maßnahmen verkündet. Jede Art von Fortbewegung innerhalb der Philippinen war mehr und mehr mit einem unkalkulierbaren Risiko behaftet, irgendwo stecken zu bleiben oder in Quarantäne gesteckt zu werden. Die Erkenntnis, zunächst auf Apo Island zu bleiben, drängte sich mir auf. Erstens gab es keinen regulären Fährverkehr mehr zum Festland (der Insel Negros) und zweitens müsste ich mich in Dumaguete vermutlich erst einmal 14 Tage in Selbstisolation begeben.

Zunächst habe ich gezögert, diese Entscheidung zu treffen, wissend damit einen gewissen Spott und Neid geradezu herauszufordern. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Viruskrise von vielen in Deutschland auch noch nicht wirklich ernst genommen.

Arbeiten als Digital Nomad

Ich habe dann doch die Entscheidung getroffen, zunächst auf Apo Island zu bleiben. Einen anderen Weg gab es gar nicht.

Heute danke ich dem Himmel jeden Tag, dass ich durch meine rechtzeitige Reaktion, die Hilfe guter Freunde und eine ordentliche Portion Glück dem Inferno in Manila entkommen bin und letztlich auf Apo Island gelandet bin.

Arbeiten als Digital Nomad geht wunderbar. Man braucht eine gewisse Selbstdisziplin und muss sich irgendwie einrichten. Wie auch die Kollegen in Deutschland, die jetzt im Homeoffice arbeiten. Für mich ist eine gewisse Routine wichtig, ein Tagesablauf, bei dem bestimmte Abschnitte für die Arbeit vorgesehen sind. Hier auf Apo habe ich mich nun entsprechend organisiert. Das Internet über den Handy-Hotspot ist ausreichend. Was ich vermisse, ist der große Bildschirm in meinem Büro, denn 12,5 Zoll sind schon sehr klein. Probleme bereiten mir die kleinen Ameisen, die in mein Notebook krabbeln wollen und der Strom, den es nur von 9:00 bis 12:00 und von 18:00 bis 22:00 Uhr gibt. D.h. ich mache etwa ab 13 Uhr Pause und spare mir einen Teil der Batterie für den Nachmittag, falls etwas Dringendes auftaucht. Ab etwa 16:00 kann ich wieder einschalten. Dann reicht die Batterie bis 18:00 Uhr – wenn der Strom wieder da ist. Für die Handys habe ich eine größere Powerbank. Es geht also alles!

Blick aus meinem Hotelzimmer

Blick aus meinem Hotelzimmer

An der Stromversorgung auf Apo Island haben wir als Fichtner übrigens schon gearbeitet und 2017 für einen privaten Entwickler als eines von 12 Inselprojekten eine Machbarkeitsstudie und ein konzeptuelles Design für eine Solar-PV-/Diesel-/Batterie-Hybridlösung ausgearbeitet. Das Projekt ist leider bis jetzt noch nicht umgesetzt worden, da der Auftraggeber seine Prioritäten geändert hat. Da auf Apo auch Wasserknappheit herrscht, wäre diese Insel ein wunderbarer Kandidat für ein kombiniertes Wasser-/Entsalzungs-/Strom-Projekt. Geradezu ideal also für Fichtner mit seiner übergreifenden Kompetenz. Dazu habe ich mir bereits viele Gedanken gemacht und schon mit unseren PV-Experten diskutiert. Ich hoffe vielleicht doch noch eine Lösung zu finden, wie wir das angehen könnten. Zeit zum Nachdenken habe ich ja jetzt.

Die Philippinen haben vergleichsweise früh und radikal reagiert. Es fehlen allerdings Tests. In Manila sind die Armen, von denen viele von der Hand in den Mund leben, bereits hart getroffen, da sie durch das Lockdown von einem Tag auf den anderen kein Einkommen mehr haben. Es hat bereits erste Gewalttätigkeiten gegeben. Wenn der Virus in die Slums und slumähnliche Stadtteile durchsickern sollte, könnte es dramatisch werden.

Natürlich verfolge ich auch die Nachrichten aus Deutschland. In einem Artikel im Forbes Magazine wird die Ansicht vertreten, dass die auffällig geringe Todesrate in Deutschland darauf zurückzuführen sei, dass die meisten der frühen Fälle eher jüngere und fitte Skifahrer sind, die sich das Virus in Italien geholt haben.

Auf der Insel herrscht eine eigenartige Stimmung und große Sorge, dass irgendwie doch ein Fall importiert werden könnte. Ich verlasse mein Zimmer kaum und gehe nur zum Essen ins Restaurant. Einmal war ich kurz im Dorf und habe zum Teil misstrauische Blicke bekommen. Die Locals fahren morgens wie früher mit ihren kleinen Booten zum Fischen raus, da die meisten kein Einkommen mehr haben. Am Abend kann ich sie in der Kirche singen hören. Von meinem Zimmer aus habe ich einen traumhaften Blick über das Meer und kann junge Meeresschildkröten sehen, die im flachen Wasser ungestört von lärmenden Booten herumpaddeln. Verrückt!