Projekttermine sichern durch rechtzeitige Turbinenreservierung

Gasturbinen – vom Ladenhüter zum Kassenschlager

Die weltweite Nachfrage nach großen Gasturbinen steigt rasant – angetrieben durch wachsenden Strombedarf, Lieferengpässe und neue Großprojekte. Wer heute moderne Turbinen in kurzer Zeit realisieren will, muss frühzeitig Fertigungsslots sichern. Der Beitrag zeigt, wie Unternehmen im Rahmen eines Wettbewerbsverfahrens Vereinbarungen zur Reservierung abschließen, um sich frühzeitig Produktionskapazitäten zu sichern, und wie Fichtner Kunden weltweit dabei unterstützt.

Gasturbine

Die günstige Umwandlung von Sonnen- und Windenergie in elektrischen Strom ebnet den Weg für eine wirtschaftlich attraktive Dekarbonisierung des Stromsektors. Gleichzeitig verpflichten sich Energieversorger, Banken und Versicherer zunehmend selbst, Investitionen in CO₂-emittierende Anlagen zu vermeiden. In der Folge galten selbst hochmoderne, erdgasgefeuerte Gas- und Dampfturbinenkraftwerke vielen Investoren zuletzt nicht mehr als nachhaltig – trotz ihrer hervorragenden Effizienz. Daran konnte auch die technologische Spitzenleistung der drei führenden Hersteller General Electric, Mitsubishi und Siemens wenig ändern.

Noch vor 20 Jahren galt eine Feuerungstemperatur von 1200 °C als technologische Grenze. Heute erreichen Gasturbinen mehr als 1700 °C und setzen damit neue Maßstäbe. Zur Einordnung: Stahl beginnt bereits bei 1200 °C rot zu glühen und verliert einen Großteil seiner Festigkeit. Erst hochentwickelte Kühlfilmtechnologien für Turbinenschaufeln ermöglichten diesen enormen Technologiesprung.

Durch höhere Wirkungsgrade und den Einsatz von Erdgas (CH₄), das zu großen Teilen aus Wasserstoff besteht, liegen die CO₂‑Emissionen moderner Gas- und Dampfturbinenanlagen bei rund 320 g CO₂/kWhe – etwa halb so viel wie der aktuelle deutsche fossil betriebene Kraftwerkspark im Durchschnitt ausstößt.

Trotz dieser Fortschritte führten die Investitionszurückhaltung und Nachhaltigkeitsverpflichtungen dazu, dass der Absatz großer Gasturbinen im letzten Jahrzehnt drastisch einbrach: von über 300 Stück pro Jahr auf nur noch rund 100. Dieser Rückgang hatte spürbare Folgen. Personal wurde abgebaut, Fertigungskapazitäten reduziert und Lieferketten – etwa für große Rotorschmiedeteile – schrumpften oder brachen weg.

Steigender Strombedarf verändert den Markt

Mit der Dekarbonisierung aller Wirtschaftsbereiche wächst der Strombedarf kontinuierlich. Allein erneuerbare Energien können diesen Zuwachs derzeit jedoch nicht vollständig decken. Besonders der rapide steigende Energiebedarf neuer großer Rechenzentren verändert die Nachfrage nach Stromerzeugungsanlagen. Die Folge: Die weltweite Nachfrage nach großen Gasturbinen zieht plötzlich wieder stark an. Neben ihrem hohen Wirkungsgrad macht sie vor allem die gestiegene Leistungsgröße attraktiv – moderne Anlagen erreichen heute rund 600 MW pro Einheit.

Fichtner begleitet aktuell mehr als zehn Kraftwerksprojekte, in denen große, hochmoderne Gasturbinen zum Einsatz kommen. Vor allem in Asien und dem Mittleren Osten beobachten wir bei Großprojekten mit einer Gesamtleistung von mehreren Gigawatt, dass die Realisierungszeiten von früher etwa drei auf nun über fünf Jahre steigen. Hauptgrund dafür sind Engpässe in der Fertigung und Lieferung der wenigen verbliebenen Anbieter moderner Großturbinen – zusätzlich verschärft durch ähnlich lange Lieferzeiten bei zentralen Netzkomponenten wie großen Leistungstransformatoren.

Ein Projektzeitraum von rund drei Jahren kann jedoch gesichert werden, indem die Entscheidung für die Gasturbinenlieferung vorgezogen und über ein Wettbewerbsverfahren eine Reservierung von Fertigungsslots vereinbart wird. Fichtner hat einen Kunden im Oman erfolgreich durch diesen Prozess geführt. Diese Erfahrung setzen wir derzeit bei neuen Großanlagen in Syrien sowie bei zusätzlichen Kapazitäten in Katar und Saudi-Arabien ein.

Auch in Europa und anderen Regionen erkennen wir neue Kapazitätsbedarfe. Dort können Reservierungsvereinbarungen im Wettbewerb – gemeinsam mit wirtschaftlich attraktiven Konditionen – den Ausschlag für die Wahl des passenden Gasturbinenlieferanten geben.

Brückentechnologie für eine klimaneutrale Zukunft

Gasturbinenkraftwerke nehmen auch in Europa eine wachsende Rolle für die Netzstabilisierung ein. Mit dem starken Ausbau volatiler erneuerbarer Energien steigt der Bedarf an flexibel einsetzbaren, schnell regelbaren Kraftwerken, die Frequenzhaltung, Schwarzstartfähigkeit und Reserveleistung zuverlässig bereitstellen. Moderne Gasturbinen erfüllen diese Anforderungen in besonderem Maße und werden damit zu einem wichtigen Bestandteil eines sicheren Energiesystems – und zu einem wesentlichen Baustein für das Gelingen der Energiewende.

Zudem können moderne, heute noch erdgasbetriebene Kraftwerke durch den wachsenden Einsatz grünen Wasserstoffs einen wichtigen Beitrag zur weiteren Dekarbonisierung leisten. Damit sie langfristig wirtschaftlich bleiben, ist es entscheidend, neue Anlagen von Anfang an H₂‑ready auszulegen.

Fichtner bringt hierfür über 30 Jahre Wasserstofferfahrung mit – von der Erzeugung über Transport und Speicherung bis hin zur industriellen und kraftwerksspezifischen Nutzung. Auf dieser Basis unterstützen wir unsere Kunden dabei, Projekte so zu gestalten, dass sie technisch, wirtschaftlich und genehmigungsrechtlich den späteren Übergang zu einem Betrieb mit Wasserstoff-Beimengung ermöglichen.

So werden moderne Kraftwerke zu einer echten Brückentechnologie – und zugleich zu einem tragenden Baustein einer zunehmend klimaneutralen Energiezukunft, in der Wasserstoff eine zentrale Rolle spielt.

Februar 2026

Fichtner-Mitarbeiter Dr. Rainer Ratzesberger

Dr. Rainer Ratzesberger

Projektbereichsleiter im Geschäftsbereich Thermische Energie und Kreislaufwirtschaft

Kategorien: Energie, Projekte|Schlagwörter: |

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