Der 20. September 2019 ist ein bewegter und spannender Tag für die Umweltpolitik. Die Fridays for Future-Organisatoren rufen weltweit zum Klimastreik auf und das Klimakabinett der Bundesregierung verkündet den langersehnten Klimaschutzplan – einiges an Zündstoff für die Fichtner Talks, die zwei Werktage später stattfinden werden.

Mit über 100 Anmeldungen ist die Villa Levi seit Langem ausgebucht. Das Orga-Team probt den Ablauf anhand des Regieplans vor Ort in allen Details noch einmal durch. Das Motto „Systemintegration! – Smarte Wege in die Energiezukunft“ ist brandaktuell. Es verdeutlicht, dass der Schlüssel zum Erfolg in der ganzheitlichen Betrachtung aller Infrastrukturkomponenten der Energiewende liegt. Denn damit das Gesamtsystem funktioniert und die politisch bereits verbindlich vereinbarten Ziele eingehalten werden können, müssen in Erneuerbaren Energiesystemen sowohl die technischen wie die ökonomischen und sozialen Bausteine echtzeitig bzw. rechtzeitig zusammenwirken. Aufgrund der hohen Ansprüche an die grundlegende Ausrichtung der zukünftigen Klimapolitik wird der Beschluss des Klimakabinetts mit Spannung erwartet.

Bereits beim Vorabendgespräch der Referenten müssen wir jedoch feststellen, dass der methodische Ansatz des Klimakabinetts mit seinen zahlreichen Einzelmaßnahmen und einem kaum spürbaren CO2-Preis der Idee der Systemintegration wenig dienlich ist. Aus wissenschaftlicher Sicht geht der vorgestellte Klimaplan nicht mit den Prinzipien der Systemtheorie konform. Die Wirksamkeit des Bündels zeitintensiver Einzelmaßnahmen scheint angesichts der ambitionierten Ziele zur massiven CO2-Reduktion zweifelhaft. Politisch gesehen mag der vorgelegte Klimaschutzplan nach den Begründungen seiner Autoren andere Ziele wie z.B. Akzeptanz und Zumutbarkeit zunächst wichtiger erscheinen lassen als eine rasche CO2-Minderung.

Neutralität versus Sachkritik

Als Moderator der Fichtner Talks sehe ich mich in einer verzwickten Lage: Neutralität bewahren oder Farbe bekennen? Das Wort „moderieren“ kommt aus dem Lateinischen: „Moderare“ und bedeutet besänftigen, steuern, lenken. Ein Moderator der Fichtner GmbH & Co. KG ist natürlich, so die Leitlinie unseres Hauses, unparteiisch und unabhängig. Auf der anderen Seite wäre es töricht, den brandaktuellen Beschluss des Klimaschutzplanes zu ignorieren. Dies hätte zur Folge, dass sich die Pausengespräche spannender entwickeln würden als die Vortragsveranstaltung. Also suche ich kurzerhand Georg Fichtner auf und erläutere ihm in einem denkwürdigen Ganggespräch im dritten Stock meine Absicht, das Klimakabinett in einer Anmoderation mit dem aus wissenschaftlicher Sicht kritikwürdigen methodischen Ansatz zu konfrontieren. Er plant selbst, eine politischen Wertung in sein Grußwort einzuflechten und bestärkt mich in meiner Absicht. Schließlich sei mit dem Klimaschutzplan bereits ein Anfang gemacht. Gesagt, getan – mit dem Ergebnis, dass unser Auditorium im Anschluss den ganzen Tag anhand unseres roten Fadens die Rolle der Systemintegration diskutierte.

Wie smart wollen wir leben?

Vor den fachspezifischen Vorträgen versorgte Fred Koblinger, Präsident der BBDO Group Austria und Kommunikations-Philosoph, das vornehmlich ingenieurtechnisch geprägte Auditorium mit zahlreichen Denkaufgaben. Im Mittelpunkt: die Auswirkungen der digitalen Transformation für die Gesellschaft und Grundsatzfragen danach, wie „smart“ wir leben wollen und welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind. Denn Systemintegration ist Fluch und Segen zugleich, aber die Notwendigkeit der Digitalisierung ist irreversibel. Dank des technischen Fortschritts und Künstlicher Intelligenz wird das Problem mit der Energiewende vermutlich weniger technischer, als vielmehr kultureller Natur sein: Wieviel Freiheit sind wir bereit zugunsten höherer Sicherheit zu opfern?

Ohne Europa geht Klimaneutralität nicht

Professor Christian Rehtanz, Leiter des Instituts für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft (ie3) an der Technischen Universität Dortmund, hat in Szenarioanalysen untersucht, dass sich die Energiemenge im Verteilnetz aus heutiger Sicht bis 2050 verdreifachen wird. Damit die Netzkapazitäten nicht ebenso drastisch ausgebaut werden müssen, ist Innovation gefragt. Daher ist das Zusammenspiel dezentraler und europaweiter Strukturen unbedingt notwendig. Grundsätzlich sind die Herausforderungen der Energiewende nur durch grenzüberschreitende Kooperationen zu meistern. Nationale Alleingänge hingegen stoßen an die Grenzen des Machbaren. Dabei ist jeder aufgerufen sein Bestmögliches zu tun, um international verbunden ein Erneuerbares Energiesystem zu schaffen.

Energiewende verändert Technik und Organisation

Weitere Vorträge zeigten, dass und wie sich die Geschäftsmodelle, insbesondere auch der Stadtwerke, in der Welt der Erneuerbaren grundlegend verändern werden. So werden sich angesichts der zunehmenden Komplexität und der Vielzahl der aktuellen Kollaborationsmodelle die bisherigen Wettbewerbsarenen weitgehend auflösen. Dasselbe gilt für die Organisation der Leistungsträger in der Branche. Agile Formen der Zusammenarbeit lösen traditionelle Hierarchiemodelle ab. In der raffinierten Gestaltung attraktiver Mehrwertdienste wird ein großes Zukunftspotenzial gesehen – insbesondere für Stadtwerke, die mit stark schrumpfenden Margen aus dem traditionellen Energiegeschäft konfrontiert sind.

Fichtner Talks als fachkundiges Forum mit kritischem Blick

Da das Thema zu facettenreich und spannend war, um es abschließend zu diskutieren, beschlossen wir spontan, die Debatte in einem Workshop-Format als Fichtner Forum mit dem Thema „Sektorkopplung“ in der Villa Levi fortzusetzen und haben schon jetzt viele Anmeldungen. Bei den nächsten Fichtner Talks am 22. September 2020 werden wir die ersten Wirkungen des Klimaschutzplanes diskutieren. Eine Reihe prominenter Referenten, die dieses Thema zu ihrem Lebenswerk machen, habe ich bereits im Auge.