Auf dem Weg in den Palast

Es ist ein herrlicher, sonniger Morgen im Juni und ich bin auf dem Weg von meinem Hotel, vorbei am berühmten Schloss des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV., zum Palais des Congrès in Versailles. Hier, vor den Toren von Paris, findet seit 1984 alle vier Jahre die Jicable, die inzwischen weltgrößte Konferenz rund um das Thema Kabel, statt.

Im Fokus: Kabel zur Energieübertragung – von dünn bis dick, von Nieder- bis Höchstspannung, Gleichstrom wie Wechselstrom. Fachexperten referieren über besondere Projekte oder Neuentwicklungen, Aussteller präsentieren ihre neuesten Produkte oder Dienstleistungen im Foyer. Hier trifft sich die „Kabelwelt“ in regelmäßigen Abständen. In diesem Jahr verhelfen dem Event über 800 Delegierte aus 45 Ländern zu einem neuen Rekord.

Während ich noch den großen Platz vor dem berühmten Schloss überquere, gehen mir ein paar Gedanken zu meinem beruflichen Werdegang durch den Kopf. Noch vor fast 20 Jahren als Jungingenieur und Neuling in der Kabelbranche erschien mir die Teilnahme an Konferenzen wie dieser unerreichbar. Würde ich hier jemals dabei sein? Und was sollte ich überhaupt Interessantes präsentieren? Die vergangenen zwei Jahrzehnte gaben die Antwort.

Aus vielen Fachartikeln und Veröffentlichungen waren mir manche der auf solchen Konferenzen vertretenen Experten bekannt. Später traf ich einige von ihnen dann auch persönlich in Projekten. Und heute, am 25. Juni 2019, halte ich bereits zum zweiten Mal als FICHTNER-Mitarbeiter einen Vortrag auf der Jicable; vor vier Jahren war es um die Realisierung des 380-kV-Kabelanschlusses des GuD-Kraftwerks Niehl 3 in Köln gegangen. Stolz? Auf jeden Fall! Aber ich muss mich konzentrieren! Mit einer Mischung aus Vorfreude und gesunder Nervosität betrete ich das Kongressgebäude.

Die Kabel-Session

Der Vortragssaal meiner Session befindet sich im ersten Stock des altehrwürdig wirkenden Palais des Congrès in der Rue de la Chancellerie, dem „goldenen Viertel“ von Versailles. In Wirklichkeit wurde das Gebäude aber erst im Jahre 1967 an der Stelle eines früheren Variété-Theaters eingeweiht. Holzvertäfelungen an Decken und Wänden geben dem Inneren einen historisch-musealen Charakter, der ganz im Kontrast zu den nüchtern-technischen Ingenieursthemen steht.

Das obligatorische Lampenfieber packt mich beim Betreten. Aber die Vorfreude überwiegt. Im Auditorium erkenne ich viele bekannte Gesichter aus der gemeinsamen Zeit in der Kabelindustrie, aber auch Kollegen aus aktuellen Projekten. Und das übliche „Konferenzpublikum“: immer entspannt und freundlich gesinnt. Das gibt mir Mut. Während mich der Session-Leiter, ein koreanischer Professor, ankündigt und meinen Kurz-CV vorliest, gehe ich noch einmal die wichtigsten Punkte meines Vortrags durch.

Ein paar Worte zur Technik

Im Rahmen des SuedLink-Projekts, zwei durch ganz Deutschland von Norden nach Süden verlaufenden Gleichstromkorridoren, sollen 525-kV-Kabel mit einer ölfreien – und damit viel umweltfreundlicheren – Kunststoffisolation eingesetzt werden. Diese heißen üblicherweise auch „VPE-Kabel“, Kabel aus vernetztem Polyethylen. Zum Anschluss an die „Konverter“ genannten Umrichterstationen, die Wechselstrom in Gleichstrom umwandeln oder umgekehrt, müssen die elektrischen Auslegungsparameter auf beiden Seiten dieser Schnittstelle sorgfältig aufeinander abgestimmt werden. Diese Auslegungsparameter umfassen u.a. bestimmte Schwellwerte für Spannung und Strom sowie relativ komplizierte transiente Spannungsverläufe. Nur die Einhaltung dieser Werte garantiert ein stabiles und wirtschaftliches Gesamtsystems in allen Betriebsfällen.

Hierzu haben wir im Projektteam zusammen mit dem FICHTNER-Kunden TransnetBW in Stuttgart eine Methodik entwickelt, die es den Kabel- und Umrichterherstellern ermöglicht, die von uns in Simulationen ermittelten Spannungs- und Stromverläufe zu systematisieren. Da wir mit dieser Vorgehensweise Neuland betreten hatten, beschlossen wir Ende 2018 eine gemeinsame Veröffentlichung zum Projekt. Für die dazugehörige Präsentation auf der diesjährigen Jicable-Konferenz wurde ich auserkoren.

Fazit meines etwa 15-minütigen auf Englisch gehaltenen Vortrags war die Empfehlung an Planer und Entwickler solcher Systeme, strukturiert vorzugehen und den Abstimmungsprozess aktiv zu begleiten und zu steuern. Dadurch könnten mögliche Unstimmigkeiten und daraus resultierende vertragliche Probleme für die beteiligten Auftraggeber verhindert oder zumindest minimiert werden.

Ende gut alles gut – die Reaktionen

Und dann ist es geschafft! Ich merke, wie sich meine Anspannung löst. Dem anerkennenden Applaus entnehme ich, dass ich Interesse für die Bedeutung der Problematik wecken konnte. Die darauffolgenden Fragen aus dem Auditorium, zum Beispiel zum aktuellen Stand der Normung auf diesem Gebiet, habe ich souverän beantwortet. Alles in allem verlasse ich hochzufrieden das Podium, wohl wissend, dass trotzdem noch viel Arbeit vor uns liegt, das hier Präsentierte auch wirklich so in unserem SuedLink-Projekt umzusetzen, wie wir es uns gedacht haben.

Auch später noch im Laufe des restlichen Tages werde ich immer wieder von Bekannten, aber auch anderen Besuchern auf meinen Vortrag angesprochen. Es ergeben sich sogar ein, zwei neue Businesskontakte. Mal sehen, was sich daraus noch entwickeln lässt. So viel Zuspruch und positives Feedback nehme ich doch gerne mit nach Hause.

Ein am Ende doch ganz entspannter Tag endet mit einem Rundgang durchs Foyer und ein paar Besuchen auf Messeständen. Erschöpft, aber zufrieden trete ich abends den Rückweg zum Hotel an, wieder vorbei am Versailler Schloss.

Und der Sonnenkönig meint es wieder gut mit mir …