Eigentlich hätte dies ein ganz normaler Jahresurlaub in meiner Heimatstadt Wuhan werden sollen. Doch die Ausbreitung des Coronavirus hat alles verändert, letztlich sogar die ganze Welt.

Vor meinem Heimatbesuch in Wuhan las ich in den Lokalzeitungen, dass in Wuhan einige ungewöhnliche Krankheitsfälle aufgetreten waren, die ähnliche Symptome wie SARS aufwiesen. Doch anfangs nahm das kaum jemand ernst – auch ich nicht. Ich freute mich darauf, nach Hause zu fliegen, und diese unbewiesenen Meldungen konnten meine Vorfreude nicht trüben.

Tag -5

Am 18. Januar kam ich in Wuhan an. Alles kam mir völlig normal vor. In den U-Bahnen war viel los, viele Leute trugen keine Masken. Auch in den sozialen Medien waren keine Nachrichten über das Virus zu finden. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, es würde ein ganz normales chinesisches Neujahrsfest werden.

Tag -3

In meinen privaten WeChat-Gruppen kursierten erste inoffizielle Nachrichten über Viren, in denen behauptet wurde, dass mehrere Krankenhäuser voller gefährlicher und hochinfektiöser Patienten seien. Ein paar Insider gaben mir den Rat, auf der Straße UNBEDINGT eine Maske zu tragen. Diesem Rat bin ich auf jeden Fall gefolgt. Leider taten dies aber nur wenige Menschen. Die Meisten nahmen nach wie vor an verschiedenen chinesischen Neujahrsfeiern teil, ohne geeignete Desinfektionsmaßnahmen und ohne ausreichende soziale Distanzierung, da unsere Regierung noch immer keine offizielle Erklärung zu diesem Thema herausgegeben hatte.

Day -3

Tag -3

Tag -2

Die Lage verschlechterte sich zusehends. Schließlich gaben die Behörden die Existenz des Virus offiziell zu. Von da an begannen die Bürger, sich über die Situation in Wuhan Sorgen zu machen. Die meisten Familien sagten Treffen zur Feier des chinesischen Neujahrs ab, so auch meine Familie.

Tag -1

Am 22. Januar bekam ich – womöglich aus Angst und Beklemmung – Fieber, und meine Temperatur stieg bis auf 39°C. Mir ging die Frage nicht aus dem Kopf, ob ich mich auch mit dem Coronavirus infiziert hatte. Sollte ich ins Krankenhaus gehen, um mich testen zu lassen? Was ist, wenn ich mir das Virus wirklich eingefangen habe? Werde ich sterben? Viel zu viele dieser beunruhigenden Fragen gingen mir durch den Kopf. In einem ruhigen Moment holte ich mir ein paar Tabletten, legte mein nerviges Telefon weg und schlief weiter.

Tag 1

Am 23. Januar wachte ich um 11 Uhr auf. Zum Glück war das Fieber zurückgegangen. Gott sei Dank hatte mich Corona doch nicht erwischt. Aber dafür geschah an diesem Tag etwas noch Schlimmeres und Erstaunlicheres: Wuhan wurde ab 10 Uhr morgens abgeriegelt.

Die Abriegelung war schon um 2 Uhr in der Früh angekündigt worden, und ich erfuhr, dass zwischen 2 Uhr und 10 Uhr morgens bereits etliche Einwohner aus Wuhan geflohen waren, darunter auch einige meiner Verwandten und Freunde. „Ist Krieg?“ fragte ich mich. „Träume ich noch oder passiert das wirklich?“ fragte ich meine Eltern. Da wir 2003 bereits die SARS-Epidemie durchlitten hatten, konnte ich einfach nicht glauben, dass ein solches Virus wirklich zu einer Abriegelung führen würde, was wohl das Schrecklichste und Unglaublichste war, was ich bis jetzt erlebt habe.

Es passierte wirklich. Leider ja. Wir waren eingeschlossen und isoliert. Zu diesem Zeitpunkt verwandelte sich Wuhan plötzlich für uns alle in ein großes Gefängnis.

Tag 2

Es war der Vorabend des chinesischen Neujahrsfests – ein Silvesterabend wie ihn noch kein Einwohner von Wuhan erlebt hatte. Wir konnten nicht mit allen Familienmitgliedern feiern, stattdessen mussten wir zu Hause bleiben, und wir beteten für die Gesundheit meiner Familie und Freunde, und dafür, dass diese Katastrophe schnell vorbei geht.

In dieser Nacht wurden medizinische Eliteteams aus verschiedenen Städten zusammengezogen und umgehend nach Wuhan entsandt. Als ich sah, wie Hilfe von außen eintraf, spürte ich allmählich einen Hauch von Hoffnung und Wärme. Ich dachte mir, dass nun sehr bald alles wieder normal werden würde. Zumindest habe ich versucht, mir einzureden, dass es nicht lange dauern würde.

Tag 3

Obwohl der Betrieb aller öffentlichen Verkehrsmittel und Taxis verboten war, konnten wir immerhin noch raus und ein bisschen herumlaufen, um frische Luft zu schnappen. Als ich die völlig leeren Straßen ohne Menschen und Autos beobachtete, überkam mich ein Gefühl von Traurigkeit, und ich vermisste verzweifelt die Tage, als die Straßen noch voller Menschenmassen waren.

Day 3

Tag 3

Tage 4-8

Die Zahl der Infektionen und Todesfälle stieg von Tag zu Tag rapide an. Alle Nachrichten, die zu dieser Zeit online zu lesen waren, drehten sich entweder um die Situation in Wuhan oder um die Desinfektionsmaßnahmen. Unterdessen versuchte ich mir einzureden, dass alles mehr oder weniger in Ordnung kommen und Wuhan bald wieder aufgemacht würde, so dass ich bald nach Deutschland zurückkehren könnte.

 

Day 4

Tag 4

Tag 9

Dieser Tag hätte eigentlich der Tag meiner Rückreise sein sollen – aber von da an durften wir nicht einmal mehr die Wohnsiedlung verlassen. Das bedeutete, dass wir von nun an komplett im „GEFÄNGNIS“ saßen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal die Gelegenheit haben würde, das Leben im Knast zu erleben, obwohl ich mir nichts zu Schulden kommen lassen hatte!

Wir fragten uns wirklich: Wie kann uns der „Gefängniswärter“ mit Essen versorgen? Wir werden doch wohl nicht verhungern, obwohl wir überhaupt nicht infiziert sind!?

Tag 10

Eine Lösung für die Lebensmittelversorgung war gefunden: Gemeindemitarbeiter erstellten zusammen mit bewundernswerten Freiwilligen eine Bestellliste für Lebensmittel, die auf den Möglichkeiten nahe gelegener Supermärkte und lokaler Lebensmittellieferanten basierte, und verteilten die Lebensmittel dann entsprechend den ausgefüllten Bestelllisten an die Familien. Dank der großen Anstrengungen dieser Menschen waren wir weit davon entfernt, zu verhungern, auch wenn uns die Liste nicht viel Auswahl bot. Aber gut, es eine außergewöhnliche Zeit, in der wir nicht mehr erwarten können.

Tag 11

Aufgrund des Lockdowns in Wuhan wurden Menschen aus Wuhan in anderen Städten diskriminiert, weil man befürchtete, dass sie das Virus einschleppen würden. Selbst Leute, die schon lange in einer anderen Stadt lebten, wurden allein deshalb gemieden, weil ihr Personalausweis in Wuhan ausgestellt worden war. Wie unvernünftig und verrückt Menschen doch sein können! Ich war damals schlichtweg wütend.

Tag 12

Ich gab schließlich den Gedanken auf, dass ich bald wieder nach Deutschland zurückfliegen könnte, weil die Situation völlig außer Kontrolle war und niemand eine Antwort darauf geben konnte, wann sich alles wieder normalisieren würde.

Deshalb begann ich teilweise von China aus zu arbeiten, wobei ich in eingeschränktem Umfang mein privates Notebook benutzte. Auf jeden Fall wollte ich nicht für längere Zeit von meiner Arbeit abgeschnitten sein: Zum einen will ich ein so langweiliges Leben nicht akzeptieren. Zum anderen kann mir die Arbeit aus dem Gefühl der Niedergeschlagenheit heraushelfen.

Tag 40

Ich langweilte mich zu Hause immer mehr, obwohl ich ja die ganze Zeit bei meinen Eltern bleiben konnte. Könnt ihr euch vorstellen, dass ihr wirklich jeden Tag 24 Stunden bei eurer Familie seid, 40 Tage lang in einem geschlossenen Bereich? Ich dachte mir, dass niemand so ein Leben wirklich mögen würde, das sich dann auch wirklich als schrecklich herausstellte.

Tag 41

Nach 40 Tagen mit solch drastischen Maßnahmen war die Situation in Wuhan endlich relativ stabil und unter Kontrolle. Allerdings wurde die Lage in Europa in der Zwischenzeit immer schlimmer. Meine Eltern machten damals sogar einen unangebrachten Witz: „Lasst uns mal raten, was schneller geht: die Öffnung von Wuhan oder der Lockdown in Europa.“ Um ehrlich zu sein, ich hatte wirklich meine Zweifel, dass ich im März nach Europa zurückfliegen könnte, selbst wenn Wuhan in diesem Monat aufmachen würde. Alles veränderte sich allzu schnell.

Tag 57

Mit dem grünen QR-Code in meiner Alipay- oder WeChat-App auf dem Handy durfte ich schließlich wieder aus der Wohnsiedlung heraus. Lasst mich raus an die frische Luft, tief Luft holen!

Aber leider waren die Straßen noch immer leer und die Geschäfte und Restaurants noch immer geschlossen. Nur wenige Passanten waren auf den breiten Straßen zu sehen, und alle blieben angemessen auf Abstand. Ist das noch das Wuhan, das ich seit 28 Jahren kenne? Wie konnte es fast zwei Monate lang ein riesiges Gefängnis sein?

Day 57

Tag 57

Tag 77

Nach 77 Tagen wurde Wuhan am 8. April wieder geöffnet! Deutschland war jedoch immer noch in Gefahr. Meine Eltern begannen, sich Sorgen um meine Rückreise zu machen und ihre Aufmerksamkeit verlagerte sich nach und nach auf die Situation in Baden-Württemberg. Sie wünschten sich ganz offensichtlich, dass ich meine Rückkehr nicht zu einem so frühen Zeitpunkt planen sollte, und dass ich so lange wie möglich in Wuhan bleiben sollte, das im Vergleich zu anderen Orten sicherer zu sein schien.

27. April 2020

Nachdem ich die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland lange beobachtet hatte, beschloss ich, meine Rückreise nach Stuttgart zu organisieren, obwohl alle meine Familienmitglieder und Freunde der Situation in Stuttgart skeptisch gegenüberstanden. Ich bestand aber trotzdem darauf. Mein Leben sollte weitergehen, und zwar nicht nur in Isolation.

Allerdings wurde es etwas komplizierter, da die internationalen Flüge stark reduziert wurden, um eine weitere weltweite Ausbreitung zu verhindern. Da ich keine Alternative hatte, war ich gezwungen, mein bisheriges Hin- und Rückflugticket verfallen zu lassen, da ich erst ab August wieder hätte abfliegen können. Stattdessen kaufte ich dann ein weiteres, viel teureres Flugticket für eine einfache Strecke.

29. April 2020

Zeit für den Rückflug – nach mehrfacher Änderung der Flugkombination, da sich alles immer wieder änderte! Aber schlussendlich, nach einem Flug frühmorgens von Wuhan, einem 15-stündigen „Kurzaufenthalt“ am Flughafen Guangzhou, einem 12-stündigen, fast völlig leeren internationalen Flug (20 der 400 Sitzplätze waren belegt) und einer 8-stündigen Zugreise innerhalb Deutschlands, einschließlich dreimal umsteigen, kam ich schließlich erfolgreich am Stuttgarter Hauptbahnhof an.

Wuhan Tianhe International Airport

Internationaler Flughafen Wuhan-Tianhe

Zusammengefasst kann ich sagen: Das war auf jeden Fall eine sehr bemerkenswerte Erfahrung in meinem Leben.