Interview im Rahmen einer von KfW und BMZ organisierten virtuellen Konferenz

Letzten Monat habe ich im Rahmen einer dreitägigen virtuellen Konferenz der KfW und des BMZ ein Interview gegeben, bei dem es vor allem um den Einsatz von Remote Management – also Projektsteuerung aus der Ferne – in fragilem Umfeld ging. Ich wurde von den Organisatoren erstmals Ende letzten Jahres kontaktiert und wir stimmten dann den Inhalt des Interviews im Vorfeld miteinander ab. Sie zeigten sich positiv überrascht, dass meine Sichtweise bezüglich der Wirksamkeit und Effizienz von Remote Management nicht dem Mainstream entsprach und folglich für die mehr als 900 Teilnehmer, die sich für die Konferenz angemeldet haben, sicherlich interessant sein dürfte.

In diesem kurzen Artikel fasse ich den Inhalt des Interviews, das ich am 21. Januar 2021 gegeben habe, zusammen und möchte diesen mit meinen Kollegen teilen, da er vielleicht anderen in einer ähnlichen Situation als Denkanstoß dienen kann.

Das Leben in Faizabad und meine Arbeit dort

Faizabad ist eine kleine Stadt im Nordosten Afghanistans. Das Leben dort ist nicht einfach. Es gibt nur kleine Läden und Verkaufsstände entlang der Hauptstraße. Man sieht Menschen in altertümlicher traditioneller Kleidung in kleinen Autos, auf alten Motorrädern oder auf Eseln, die aber Smartphones der neuesten Generation in ihren Händen halten. Es wirkt wie eine Art modernes Mittelalter – wirklich faszinierend!

Wie auch immer: da die Region sehr abgelegen ist und man dort nur schwer hin- und auch wieder wegkommt, muss man lernen, für sich selbst zu sorgen. Dieses Prinzip gilt auch im Alltag. Beim Bau des Wasserkraftwerks habe ich zum Beispiel viele technische Entscheidungen direkt vor Ort getroffen, weil mein Team und ich die Probleme unmittelbar und in Echtzeit sahen und somit am ehesten in der Lage waren, die Situation zu verstehen. Manchmal versuchte ich, Fachleute aus der Ferne einzubeziehen und ihnen die Probleme zu erklären, in der Hoffnung, nützliche Hinweise und Zuarbeiten von ihnen zu bekommen. Leider merkte ich dabei immer wieder, dass sie die Probleme nicht richtig verstanden hatten, weil sie zu weit weg davon waren und die lokalen Umstände, die zu einem bestimmten Problem geführt hatten, nicht richtig einschätzen konnten. Letztendlich habe ich also festgestellt, dass die Zusammenarbeit aus der Ferne nicht immer effektiv war. Es ist unerlässlich, jemanden zu haben, der in der Lage ist, direkt und zeitnah vor Ort zu handeln.

Remote von zu Hause arbeiten

Aufgrund der Corona-Pandemie und weil in Faizabad keine ausreichenden medizinischen Einrichtungen vorhanden sind, bin ich seit Februar 2020 gezwungen, von zu Hause, also von Italien aus, zu arbeiten. Obwohl vor Ort bisher kein Fall von Covid-19 bekannt geworden ist, muss Fichtner bei zeitweise mehr als 200 Leuten auf der Baustelle die Empfehlungen des Risk Management Office (RMO) der GIZ befolgen, das derzeit wegen der Pandemie dazu rät, der Baustelle fernzubleiben.

Unter diesen Umständen wird einem das ethische Dilemma bewusst, dass die einheimischen Mitarbeiter aufgrund des Mangels an adäquaten medizinischen Einrichtungen ihr Leben riskieren, während die ausländischen Mitarbeiter in Sicherheit von zu Hause aus arbeiten. Diese Situation war ganz und gar nicht gut, aber zum Glück haben meine Kollegen vor Ort verstanden, dass mir diese Ungleichbehandlung aufgezwungen wurde, und so halten sie dem Projekt wie gewohnt die Treue. Rückblickend stellt es sich so dar, dass die Geschäftsleitung solche Sicherheitsempfehlungen nicht nur aus moralischen, sondern auch aus haftungsrechtlichen Gründen befolgen muss, um Ansprüche der Familie der entsandten Fachkräfte auszuschließen, sollten diese zu Schaden kommen, weil das Unternehmen Sicherheitswarnungen ignoriert hat. Die Angelegenheit ist eben komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint.

Um die Projektsteuerung aus der Ferne zu ermöglichen, schicken mir meine Kollegen täglich zwischen 50 und 100 Fotos und/oder Videos per WhatsApp und rufen mich bei Bedarf an, um sich zu vergewissern, dass sie das Richtige tun. Außerdem haben wir ein strukturiertes, cloud-basiertes Dokumentenmanagementsystem, über das die Projektunterlagen allen Beteiligten zugänglich gemacht werden. Dazu gehören auch die Tagesberichte des bauausführenden Auftragnehmers, die in knapper, aber umfassender Form erstellt und sofort hochgeladen werden. Sie enthalten Angaben zum Wetter und dessen eventuellen Auswirkungen auf den Baufortschritt, zu den auf der Baustelle eingesetzten Arbeitskräften, zum Fertigstellungsstatus der einzelnen Bauwerke sowie Fotos (nur eine Seite, aber mit 10 Fotos), Leistungsmengen (Mengengerüst) und auch eine qualitative (grafische) Fortschrittsdarstellung.

Sehr wichtig ist auch, den Kollegen auf der Baustelle die nötige Unabhängigkeit zu geben, denn im Allgemeinen ist derjenige, der ein Problem mit eigenen Augen sieht, auch derjenige, der es am besten lösen kann. Natürlich telefonieren wir täglich und ich bin bei Bedarf ständig (7 Tage die Woche) erreichbar, aber ich verlasse mich auch stark auf die Kollegen vor Ort.

Kann das Remote Management die übliche Arbeitsweise ersetzen?

Wenn Sie mich fragen: „Würden Sie empfehlen, in ähnlichen Kontexten aus der Ferne zu arbeiten?“, dann müsste ich ehrlich antworten: „Da bin ich mir ganz und gar nicht sicher. Es hängt von der Möglichkeit ab, vor Ort einen qualifizierten Mitarbeiterstamm richtig aufzustellen.“ Das derzeitige Team auf der Baustelle wurde aufgebaut, während ich in Faizabad war. Ich kenne also jeden Einzelnen in diesem Team – und jeder von ihnen kennt auch mich. Wir sind eine eingespielte Mannschaft und kennen unsere Fähigkeiten, aber auch unsere Grenzen. Das ist ein wichtiger Aspekt, der auf gegenseitigem Respekt beruht. Außerdem kennen wir auch das Team des Auftragnehmers vor Ort persönlich.

 

Vor COVID-19 hatte ich täglich persönlichen Kontakt auf der Baustelle, um sich abzeichnende Probleme zu erkennen und proaktiv im Geiste gegenseitiger Zusammenarbeit zu lösen. Das kommt mir jetzt, wo ich weit von der Baustelle weg bin, sehr zugute. Wäre ich nie vor Ort gewesen und hätte die Leute, die dort arbeiten, nicht kennen gelernt, dann könnte ich die Arbeiten sicher nicht so aus der Ferne verfolgen, wie ich es jetzt mache. Also: Neue Technologie ist gut, aber sie kann das, was man bei einem Kaffee mit einem Kollegen auf der Baustelle erfährt – sozusagen dieses „den Braten riechen“ – nicht (oder noch nicht?) ersetzen.