Um die politisch bereits fest vereinbarten und völkerrechtlich verbindlichen Emissionsreduktionsziele zu erreichen, ist der Zeitfaktor entscheidend, denn die Investitionen im Bereich der Erneuerbaren sind in Summe aufwändig, komplex und kapitalintensiv. Die Ampelkoalition muss sich also sputen, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass die erhofften Privatinvestitionen für die Umsetzung der Energiewende sprudeln können. Die Ampelkoalition braucht jetzt also beides: Ingenieurtechnischen Sachverstand und ein Netzwerk von engagierten Menschen, die mutig substanzielle Summen und Herzblut einsetzen. Das ist in Kürze das Ergebnis der diesjährigen Fichtner Talks, die in der Woche vor der Bundestagswahl im September im StadtPalais Stuttgart analog und auch online stattfanden.

Unter dem Motto „Verantwortungsvolle Investitionen – Chance mit Risiko“ wurde kein Blatt vor den Mund genommen und auf die enormen Investitionen hingewiesen, die mit der Transformation der Energieinfrastruktur in allen Bereichen einhergehen. „Alles oder nichts“, hieß die Headline des Beitrags von Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, der als Direktor und Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung bekannt ist. Der Menschheit wird viel abverlangt, denn von dem vorhandenen Potenzial von ca. 15.000 Gt CO2 an fossilen Rohstoffen dürfen nur noch etwa 330 Gt an die Oberfläche gelangen, wenn das 1,5°C Ziel eingehalten werden soll. Edenhofer plädierte für die Konkretisierung der EU-Pläne, die Umsetzung der CO2-Bepreisung und für die rasche Erarbeitung konkreter Kohleausstiegs- und Erneuerbare-Energien-Ausbaupläne. Sabine Nallinger, Vorständin der Stiftung 2°, die inzwischen in Stiftung Klimawirtschaft umbenannt wurde, verwies auf die Vorreiterrolle der Wirtschaft, die bitte nicht durch die Politik ausgebremst werden sollte. Dr. Markus Klimmer, stellv. Aufsichtsratsvorsitzender der HH2E AG, machte anschaulich deutlich, dass Green Deals nichts für Zahlenkucker sind und wir für die vor uns liegenden Aufgaben mutige Führungskräfte mit Zivilcourage sowie gerne auch „Grey Hair“-Investoren brauchen.

Bei den Beiträgen der Fichtner Talks 21 haben die Diskutanten jeweils aus ihrem Blickwinkel wertvolle Bausteine für die Energiewende präsentiert. Dabei haben wir festgestellt, dass die Vorstellungen vielfältig und sehr unterschiedlicher Natur sind. Die Bandbreite reicht von der Installation großindustrieller Elektrolyseanlagen bis zur EU-weiten CO2-Bepreisung mit Border Adjustment. In meiner Zusammenfassung sagte ich: „Wir brauchen ein Open-Access-Modell für Energiewende-Investoren, das die vielfältigen und zahlreichen Einzelinvestitionen zu einem Gesamtbild zusammenfügt.“ Damit kann jeder Investor und jeder Politiker abschätzen, wie das komplexe Gesamtsystem auf sein Vorhaben reagieren würde. Gleichzeitig werden konkrete Investitionspläne auf der Erzeugungs- und Verbraucherseite sowie in den Netzen mit der existierenden Infrastruktur ergänzt. Somit ist abschätzbar, inwieweit die politisch vereinbarten Ziele der Emissionsreduktion erreicht werden, oder ob von politischer Seite die Rahmenbedingungen verändert werden müssen. Damit schaffen wir ein mächtiges ingenieurtechnisches Instrument, das nicht nur der Ampelkoalition vor Augen hält, welche Maßnahmen und welche Investitionen welche systemische Wirkungen erzielen.

Für den zweiten Teil dessen, was die Ampelkoalition jetzt braucht, lade ich zum „Energiewende-Club“ ein. Im Club versammeln sich Gleichgesinnte, denen die Energiewende im wahrsten Sinn des Wortes am Herzen liegt. Ausgangspunkt der Idee des Energiewende-Clubs ist es, die vielfältigen Möglichkeiten zur Gestaltung der Energiewende auf Basis einer ganzheitlichen Open-Access-Modellierung bewusst zu machen – in Anlehnung an die Bauhaus-Idee. Wichtig ist uns hierbei die interdisziplinäre Vernetzung von innovativen Persönlichkeiten als Ideenfabrik für die Umsetzung der Energiewende. Wenn sich einige Mitgründer für den Club finden, werden wir das neue Bundesministerium für Wirtschaft und Klima um finanzielle Unterstützung bitten.

Kontakt: Albrecht.Reuter@Fichtner.de

Moderator Albrecht Reuter bei der Zusammenfassung der Fichtner Talks 21

Schlussrunde mit Dr. Martin Konermann (Geschäftsführer der Netze BW), Michael Riechel (CEO der Thüga AG), Dr. Ulrich Maurer (Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg) und Andreas Weiler von Fichtner (von links nach rechts)